Das „Flaggschiff“ der Sammlung des SchifffahrtMuseums
Das Modell der Jacht des Kurfürsten Johann Wilhelm gehört zu den ersten Ankäufen des SchifffahrtMuseums Düsseldorf. Er besaß mehrere Repräsentationsschiffe für seine Hofhaltung, zu denen es nur wenige Nachweise gibt. Die Suche nach den Vorbildern des Modellbauers führte zu einem seltenen vermuteten Werftmodell, das 1705-1715 entstanden war und auf spannenden Wegen ins Niederländische Schifffahrtsmuseum gelangte. Die Modellgeschichte verbindet Schiffbau- wie Sammlungsgeschichte mit der Düsseldorfer Schloss-, Stadt- und Landesgeschichte.
Autor*in
Dr. Annette Fimpeler,
Leonie Bindel M.A.
Veröffentlichungsdatum
08.04.2026
Das große Modell der Jacht des Kurfürsten Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg von 1711 ist bis heute das repräsentative „Flaggschiff“ der umfangreichen Sammlung des SchifffahrtMuseums in Düsseldorf. Es entstand gleich in den ersten Jahren nach der Gründung im Jahr 1930. Der damals bekannte und international geschätzte Düsseldorfer Modellbauer Hans Koenen (1869 – 1945) baute das Modell 1932/1933 und es konnte wohl 1935 angekauft werden. Er selber stammte aus einer Familie, die mit der Schifffahrt auf dem Rhein fest verwurzelt war. Sein Vater Balthasar Koenen (1821-1907) war bis zu seinem 85. Lebensjahr Neusser Hafenmeister. Auch Hans Koenen arbeitete zunächst als Kapitän und Lotse, bevor er als Modellbauer weit bekannt wurde.
Die Museumsgründer hatten von Anfang an das Ziel Modelle zu erwerben, die nachweislich möglichst genau ihrem historischen Original entsprachen. Dazu hatten die Modellbauer bei Ankauf ihre Unterlagen zum Modellbau mit abzuliefern, u.a. schriftliche und bildliche Quellen wie auch ihre Planzeichnungen. Leider gingen diese Unterlagen bis auf einige wenige Nachweise im zweiten Weltkrieg verloren, so auch die Vorlagen zur Entstehung der Modelljacht des Kurfürsten Johann Wilhelms. Bei der Aufarbeitung zur Entstehung des Modells der Prunkjacht stellte sich heraus, dass bis heute nur wenige und zudem nicht sehr deutliche historische Abbildungen vorhanden sind. Da auch die Werften zur Zeit des Holzschiffbaues ihr Wissen hüteten, ist es eine spannende Frage, welche Vorlagen Hans Koenen zum Bau des fürstlichen Schiffes nutzte, zumal bis heute nur sehr wenige Historiker zu dieser Sonderform im Schiffsbau forschen.
Es ist nicht verwunderlich, dass die Museumsgründer schon früh darauf Wert legten, in ihrem geplanten Museum (Eröffnung 1937 in der „Grünen Halle“ des Planetariums, Vorläufer der heutigen Tonhalle) mit dieser Jacht auch den Sondertyp der barocken Repräsentationsschiffe vorstellen zu können. Sie stellt nicht nur diesen besonderen Schiffstyp in der Geschichte der rheinischen Binnenschifffahrt vor. Mit ihr verbindet sich gleichzeitig eine große Zeit der Düsseldorfer Stadtgeschichte, die als barocke Residenzstadt zur Zeit des Kurfürsten Johann Wilhelms einen glanzvollen Höhepunkt fand. Als Statussymbol für die barocke Hofhaltung hatten fähige Amsterdamer Schiffsbauer einen repräsentativen Schiffstyp entwickelt, der als „Exportschlager“ von ca. 1660 bis um 1700 gelten kann. Europaweit gingen von den Fürstenhöfen Aufträge ein. Der Begriff der „Jacht“ wandelte sich mit der Verbreitung dieser Schiffe und sollte zukünftig einen besonders luxuriösen Schiffstyp bezeichnen.
Der Rumpf lief in einem Spiegelheck aus und trug auf dem Achterdeck einen Pavillon, der diesen Typ kennzeichnete. Anfangs bestand die Besegelung aus Rahsegel, Sprietsegel und Dreiecksegel, später zeigten die Jachten eine Besantakelung. Als Binnenschiff wies dieser Typ einen platten Boden, geringen Tiefgang und Seitenschwerter auf. Typisch für das repräsentative barocke Zeitalter war die überaus reiche Ornamentik, die zum auffallendsten Merkmal dieser Jachten wurde: beginnend mit der Galionsfigur, über die Bugdekoration zu beiden Seiten des Schiffes, fortlaufend um die Stückpforten der Salutkanonen gipfelte sie in der Ausgestaltung der Spiegelheck-Verzierungen mit Galerien, Laternen, Wappen, vergoldeten und bemalten Figuren wie Girlanden, wobei auch die Seitenschwerter nicht ausgelassen wurden. Ebenso kostbar war die Ausstattung der Innenräume. Nicht nur der Stil der Schiffe, auch die unübertroffene Schiffsbautechnik ließ diese „Mode“ bis weit ins 18. Jahrhundert auf dem Rhein bestand haben.
Zu dieser Zeit musste es auch Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg schon aufgrund seiner Stellung und seiner engen familiären Verbindungen zu den europäischen Königshöfen ein Anliegen gewesen sein, solche Statussymbole vor seiner Residenz in Düsseldorf präsentieren zu können. Ebenso wichtig war es, bei großen Anlässen mit einem solchen Prunkschiff angemessen „vorfahren“ zu können. Eine besondere Reise sollte Kurfürst Johann Wilhelm 1711 unternehmen. Als ranghöchster Reichsfürst wurde er zur Kaiserkrönung Karls VI. in Frankfurt am Main erwartet.
Er besaß zwar bereits seit 1703 eine „große“ Staatenjacht, aber ein solches Ereignis legt die Anschaffung einer weiteren Jacht nahe. Dass der Kurfürst zu dieser Reise ein weiteres Schiff bestellte, darauf deuten schriftliche Quellen. Die vorhandene Jacht von 1703 wird als die „große“ bezeichnet, die später angekaufte jedoch als das „neuerbaute“ Schiff (Verzeichnis, was zur Heraufbringung Ihr. Churf. Dchl. Zu Pfalz großer - wie auch neuerbauter - sodann einer kleinen Jagten von Düsseldorf bis Mannheim erfordert werde“, abgedruckt bei: H. W. Kuhn, Barock auf dem Wasser. Die Jachtschiffe des Kurfürsten von der Pfalz auf dem Rhein und Neckar, in: Oberrheinische Studien 6, 1985, S. 205ff., Nachweis S. 249, Anm. 107). Bis heute ist vor allem eine große Stadtansicht von Mannheim bekannt, die in späterer Zeit ältere und neuere Jachten der Pfalz-Neuburger auf dem Fluss zeigt. Die Bauweise der Schiffe und ihre Ornamentik gibt Anhaltspunkte zur Identifizierung der Jachten. Diese Abbildung hätte zum Modellbau jedoch noch nicht ausgereicht. Doch tauchte zur Zeit der Tätigkeit Hans Koenens ein seltenes historisches Modell aus den Magazinen auf, das heute zur Sammlung des Niederländischen Schifffahrtsmuseums gehört. Dieses Modell wird in die Zeit 1705-1715 datiert und hat einen interessanten Weg zurückgelegt.
Es gelangte wohl von Düsseldorf über Mannheim in die spätere Residenz der Kurfürsten aus dem Haus Pfalz-Neuburg, nach München. Letztlich erhielt es das Niederländische Schifffahrtsmuseum 1929 aus dem Besitz des Bayerischen Nationalmuseums. Koenen hatte gute Kontakte in die Niederlande und bemühte sich, nachweislich in anderen Fällen, europaweit um Informationen und Unterlagen aus Forschungsinstituten zu seinen geplanten Modellbauten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Koenen dieser besondere Neuzugang des Niederländischen Schifffahrtsmuseums bekannt wurde.
Das Modell aus Pfalz-Neuburger Besitz könnte ein zeitgenössisches Werftmodell sein, das dem Kurfürsten Johann Wilhelm als Auftraggeber zur Ansicht gegeben wurde. Dass es eine Jacht des Kurfürsten Johann Wilhelm darstellt, darauf deutet zunächst die Ornamentik: Zu den Seiten des Heckspiegels ist der Kriegsgott Mars zu sehen. Der Fürst ließ sich wiederholt in der Malerei, Plastik, der Goldschmiedekunst und sogar in der höfischen Zuckerbäckerei als Kriegsgott Mars darstellen. Noch deutlicher verweist das Wappen am Heckspiegel auf den Kurfürsten und auch auf die Entstehungszeit des Schiffes: Es zeigt am Heckspiegel unter dem Kurhut den Hubertus-Orden. Diesen hat Kurfürst Johann Wilhelm im Jahr 1708 aus Anlass der ihm übertragenen Würde des Erztruchsesses erneuern lassen. Seither wurde der Orden bei weiteren Wappendarstellungen mit abgebildet. So ist zu vermuten, dass das historische Modell ebenfalls nach 1708 entstand und die zuletzt angeschaffte „neue“ Prunkjacht darstellt, die 1711, zur Reise nach Frankfurt am Main bereitstand.
Da Johann Wilhelm diese Jachten (bis auf das erste Schiff) aus seinem persönlichen Vermögen bezahlte, gehörten sie zu seinem Privatbesitz, der in der Familie vererbt wurde. Mit den später erfolgten Residenzverlegungen seiner Nachfolger, zunächst nach Mannheim, 1777 dann mit der Übersiedlung des Kurfürsten Carl Theodors von Mannheim nach München, wurde neben Schmuck und Gemälden auch der weitere Familienbesitz mit nach München genommen. Letztlich gelangte dieser in die dortigen Museen. Das historische Modell ging in den Besitz der Sammlung des Bayerischen Nationalmuseums über.
Im Vergleich des Düsseldorfer Modells mit dem zeitgenössischen in Amsterdam sind alle Merkmale der fürstlichen Jacht nachgebaut worden. Es ist anzunehmen, dass Hans Koenen vermutlich von diesem Modell seine genauere Vorstellung gewann, wie er den Nachbau einer der Jachten des Kurfürsten planen und ausgestalten konnte.
Alleine die Feinheit in der „Handschrift“ der historischen Modellbauer erreichte er nicht. Dies fällt insbesondere beim Schnitzwerk auf.
Nach dem Tod des Kurfürsten Johann Wilhelms 1716 blieben die Schiffe zunächst in Düsseldorf. Erst 1721 wurden einige nach Mannheim überführt, wo seine Nachfolger zunächst residierten. Noch in späteren Jahren erkundigte sich Kurfürst Carl Theodor nach dem Zustand seiner in Mannheim liegenden Schiffe (Noch im Jahr 1781 ordnete er eine Überholung der Jachtschiffe an, vgl. Kuhn, Jachtschiffe, S. 248). Sie erhielten sich noch bis 1806. Carl Theodor verstarb 1799 und die nunmehrigen Besitzer zeigten kein Interesse mehr an diesen Jachten. Mit dem Übergang an das Großherzogtum Baden wurden sie „zugunsten der herzoglichen Schatulle“ versteigert, da „wir diese Instrumente einer persönlichen Liebhaberei und Belustigung als zum Privateigentum des vormaligen Regenten gehörig ansehen“ (Zitiert nach Kuhn, Jachtschiffe, S. 248, Nachweis Anm. 106). Vermutlich galten sie nicht mehr als modern und ihr Erhalt verursachte zudem großen Kosten.
Mit unserem Modellschiff der Jacht des Kurfürsten Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg verbinden sich gleich mehrere spannende Geschichten. Es weist auf die Anfänge der Sammlungsgeschichte des Museums und knüpft wiederum an ein zeitgenössisches Modell aus der Barockzeit an. Die Prunkjachten stellen einen besonderen und luxuriösen Schiffstypen auf dem Rhein dar. An den Ufern der damaligen Stadt lagen gleich mehrere solcher Schiffe und sollten die Stellung „Jan Wellems“ und der Stadt sichtbar vorführen. Die enge Verbindung zwischen Düsseldorf und dem Rhein spiegelt das Modell damit ebenso wider und verweist auf eine bedeutende Zeit der Schloss-, Stadt- und Schifffahrtsgeschichte.
Derzeit kann man es im 1. OG des SchifffahrtMuseums im Schlossturm bewundern.
Autorinnen: Dr. Annette Fimpeler und Leonie Bindel